Wie einer fast der berühmteste Tierarzt Deutschlands geworden wäre
Der berühmteste Tierarzt von allen ist sicher James Herriot, aus der TV-Serie „Der Doktor und das liebe Vieh“. Der liebt alle Tiere, ob groß oder klein, behandelt Rind und Hund mit demselben Mittel (der Hund bekommt halt bissel weniger) und motiviert bis heute viele junge Menschen (Mädels) sich im Fach Tiermedizin einzuschreiben.
Bei uns wird zwar viel diskutiert über zukunftsfähige Landwirtschaft und Nutztierhaltung, aber Tierärzte spielen dabei gar keine Rolle. Mal abgesehen von einem, der „Gen-Soja“ am Geruch erkennt oder für die Vereinigung „(Klein-)Tierärzte gegen Massentierhaltung“ spricht.
Das große Wort führen vielmehr NGOs. Die Kommentare von Nabu, Greenpeace, Foodwatch dürfen nirgends fehlen. Und so heißt es mittlerweile täglich: Massentierhaltung abschaffen! Die Zukunft gehört dem kleinen Bio-Bauern! „Klasse statt Masse!“ Und natürlich muss eine Herkunftsbezeichnung fürs Fleisch her.
Im Märchenland der Ideologen, scheint eben die Sonne ohne Unterlass und Schweine bekommen trotzdem keinen Sonnenbrand, aber zu Ende gedacht wird das Märchen nie.
„Klasse statt Masse“ bedeutet: heimische Hochpreis-Nische und Import für den Rest. Denn irgendwo muss ja auch zukünftig die Menge Fleisch herkommen, die eine Mehrheit hier jährlich so verspachtelt. Oder kündigt sich etwa eine vegane Massen-Bekehrung an? Und „Billig-Fleisch“ soll ja wohl nicht verboten werden? Na also!
Und wer lautstark die Herkunftsbezeichnung von Fleisch propagiert offenbart nur, dass er der eigenen Propaganda auf den Leim gegangen ist. Seit Jahrzehnten gibt es diese Kennzeichnung nämlich schon: bei 1 % steht Bio drauf, bei 70 % Sonderangebot.
Die Diskussion über zukunftsfähige Landwirtschaft wird zwar lautstark gefordert – aber nicht geführt. Jedenfalls nicht aus Basis von Fakten, Wissen und Forschung.
Wäre es anders, müsste Albert Sundrum der berühmteste Tierarzt Deutschlands sein. Mindestens fast so berühmt wie James Herriot! Seit 20 Jahren forscht der Prof aus Kassel über Bio-Nutztierhaltung – und keinen interessiert es. Lästigerweise nämlich spricht der Mann auch Probleme und Schwachstellen der Öko-Haltung an. Und das ist mit der reinen Lehre schlicht nicht kompatibel.
Dabei könnte eine offene Diskussion seine Arbeit als Startpunkt wählen. Das Verdienst der Bio-Nutztierhaltung ist ja zweifellos, dass sie die richtigen Fragen gestellt hat. Ihre Antworten sind teils gelungen, teils aber auch nicht. Ihre Lösungen „mehrheitsfähig“ oder eher nicht.
Denn um die Mehrheit – oder die Masse – der Tiere sollte es doch wohl gehen. Wir brauchen Haltungsbedingungen für Kühe, Schweine, Hühner, die eine Mehrheit der Tierhalter leisten kann und die sich die Mehrheit der Verbraucher auch leisten will.
Und tatsächlich gäbe es ja heute bereits Lösungen, die eine breite Unterstützung verdient hätten. Doch die fristen ein Dasein in noch kleineren Nischen, als das Bio-Fleisch: Privathof-Hähnchen überspringen nicht einmal die 0,5 %-Hürde. Und der Marktanteil des „Aktivstalls für Schweine“ liegt – gemessen an den Gesamtschlachtungen – praktisch unterhalb der Nachweisgrenze.
Es ist höchste Zeit neue Wege zu erproben – aber bitte mit den Experten. Und mit den Landwirten, von denen viel zu viele schon viel zu lange in den Startlöchern stehen.
PS: Für Interessenten liegen die Kontaktdaten von Albert Sundrum auf Abruf bereit. Ebenso eine lange Liste weiterer Top-Wissenschaftler aus einschlägigen Institutionen.


Sehr geehrter Herr Wengenroth,
ohne Zweifel verdient Herr Professor Sundrum allerhöchsten Respekt für seine Arbeit. Er hat übrigens nicht nur für die Bio-Haltung, wie Sie es schreiben, die richtigen Fragen gestellt, sondern tut dies für die gesamte Nutztierhaltung. Überdies gibt er auch Antworten. Und die gefallen offenkundig vielen Landwirten bzw. deren Funktionären durchaus nicht immer. Insbesondere, weil er die Massivität des Vorkommens sogenannter Produktionskrankheiten in allen Betriebsformen kritisiert und deren konsequente Vermeidung und Bekämpfung einfordert.
Erstaunlich ist übrigens Ihre grobe Verallgemeinerung/Vermischung der Positionen von NGOs bei diesem Thema.
Sie wissen aus unseren persönlichen Gesprächen nur zu gut, dass foodwatch dezidiert andere Positionen vertritt: Die Debatte um „bäuerliche Landwirtschaft“ versus „Massentierhaltung“ ist für den Tierschutz weitgehend irrelevant, das Verschweigen der Epidemie der Produktionskrankheiten in allen Haltungsformen hingegen ist – im Verbund mit der verlogenen Vermarktung tierischer Lebensmittel und der organisierten Preisdrückerei der Handelskonzerne – der Kern des Problems.
foodwatch streitet für einen normativen Rahmen, mit dem die konsequente Gesundhaltung aller Nutztiere in allen Betrieben durchgesetzt wird. Und für eine faire Bezahlung der TierhalterInnen. Und wir sagen ganz klar, dass die Verbaucher die Preise bezahlen müssen (!), die solchermaßen tierschutzgerecht erzeugte Produkte dann kosten.
So viel Differenzierung sollte schon sein, wenn man, wie Sie es schreiben, eine „offene Diskussion“ führen möchte. Wie sagte James Harriot so schön, wenn ihm etwas schief ging: „Such things happen!“ – und versuchte es beim nächsten Mal besser zu machen.
Hallo Herr Wolfschmidt,
bei Sundrum sind wir uns einig – auch was die Produktionskrankheiten betrifft. Dass Sie ihn kennen hätte ich auch vermutet, aber leider ist das bis heute „Insiderwissen“.
Auch Ihre persönlichen Einlassungen kenne ich (sicher nicht alle, aber doch einige), lese jedoch unter dem Label „Foodwatch“ öfter ganz andere Dinge. Deswegen habe ich „Sie“ mit in den Topf geworfen (was „den“ Landwirten dauernd passiert ;-).
Der Handel spielt eine entscheidende Rolle und könnte, allein durch Personalschulung und Warenpräsentation, für deutlich höhere Anteile alternativer Angebote sorgen. Das lokale Beispiel des „Aktivstalls“ zeigt dies deutlich.
Auf die offene Diskussion mit Ihnen freue ich mich immer! Und deswegen auch
freundliche Grüße!
TW
Lieber Herr Wengenroth,
dass Sie unter dem „Label“ foodwatch noch ganz andere Dinge lesen, könnte daher kommen, dass wir auch noch zu ganz anderen Themen arbeiten…
Aber bezogen auf Tiergsundheit/Tierhaltung/Tierschutz würde mich interessieren, was Sie damit meinen. Vielleicht können Sie das mit Bezug auf die von Ihnen aufgerufenen Themen klarstellten.
Beste Grüße!
Vor nicht allzu langer Zeit ein Tsunami von Plattitüden zur „industriellen Tierhaltung“ auf Twitter, der nicht nur mich ziemlich verwundert hat. Und Gruß zurück! TW
Lieber Herr Wengenroth,
bis zum Beweis des Gegenteils halte ich jede Wette, dass dieser „Tsunami von Plattitüden“ nicht von foodwatch ausgelöst wurde, sondern Ihrer Einbildung entsprungen ist.
Ich hoffe sehr, dass Sie für die Zukunft anzuerkennen willens sind, wie grundlegend sich die Einlassungen von foodwatch zum Thema Nutztierschutz von den allermeisten Wortmeldungen anderer Organisationen (aber auch von PolitikerInnen, BauernverbandsfunktionärInnen, Handelskonzernen, ProduzentInnen) unterscheiden.
Auch wenn das Ziel von foodwatch nicht von jede(r) Landwirt(in) geteilt wird, sagen wir ganz klar und mit sehr guten Gründen: Wir möchten erreichen, dass alle Nutztiere ein Leben ohne vermeidbare Krankheiten und Verhaltensstörungen führen können; und dass zugleich die LandwirtInnen, die das sicherstellen müssen, ein angemessenes Einkommen erzielen.
Der „fast berühmteste Tierarzt Deutschlands“ sieht das meines Wissens übrigens sehr ähnlich…
Mit besten Grüßen,
Matthias Wolfschmidt
Wie meinen?
http://www.foodwatch.org/de/informieren/tierhaltung/aktuelle-nachrichten/tiere-werden-systematisch-krank-gemacht/
https://plus.google.com/+foodwatch/posts/G87WqQqqBxb
Lieber Herr Wolfschmidt,
ich bin zwar schon alt, aber einbilden tue ich mir – Versicherungen meiner Mitmenschen zufolge – noch nichts 😉 Dass sich die Einlassungen von foodwatch von denen anderer unterscheiden – des öfteren sogar auf wohltuende Weise – will ich Ihnen aber gerne bestätigen.
Die Diskussion um die Zukunft der Nutztierhaltung in Deutschland kann nur auf sachlich/fachlicher Basis zu einem, für Mensch und Tier, akzeptablen Ergebnis kommen. In diesem Sinne freue ich mich auf weitere Wortmeldungen von Ihnen!
Viele Grüße!
TW