18 Feb 2015

Schlanke Zeitungen, magere Argumente: Der Fleischatlas mal wieder

Zeitungen und Zeitschriften beklagen seit Jahren sinkende Leserzahlen und schwindende Erlöse. Das Internet sei schuld, so die einhellige Meinung in den Verlagen. Notgedrungen müssen sie reagieren, die Kosten senken und da spart schon die schlichte Verringerung der Seitenzahl spürbar Geld. Manchmal aber führt dies – natürlich ohne jede Absicht – zu Verkürzungen, die den immer weniger werdenden Lesern sachliche Informationen vorenthalten. Und weil es bei einem Weltblatt von der Weser zu einem solchen Malheur gekommen ist, wir als Internet-Medium aber ein Stück Schuld am Niedergang der Printmedien abtragen möchten, soll hier der Leserbrief einer Landwirtin vollständig veröffentlicht werden und nicht nur das Anschreiben:

1) Anschreiben

Sehr geehrte Frau …,

mit Interesse habe ich den Bericht zum Fleischatlas und natürlich auch ihren Kommentar gelesen. Ich kann verstehen, dass man im ersten Gedanken neue Unterrichtsmaterialien gut findet und sie einen wichtigen Beitrag leisten können, gerade auch wenn sie von außen kommen. Beim Fleischatlas (inzwischen gibt es ja auch einen Bodenatlas) ist das leider nicht so einfach zusagen. Zu komplex sind die dargestellten Zusammenhänge, so dass diese nur grob angerissen und mit der jeweiligen “grünen Gesinnung” angehaucht werden. Ich war früher selber ein Fan von BUND und Greenpeace habe aber mittlerweile gelernt, dass man genau hinschauen muss, wem man sein Vertrauen schenkt. Ich würde mich freuen, wenn sie meinen Leserbrief zu diesem Thema veröffentlichen würden. Immerhin geht es um uns Landwirte und wieder einmal wird von Fachfremden über uns geredet, statt mit uns. Ich bin selber Mutter und ich finde es absolut wichtig, dass Kinder früh auf Höfe kommen und sehen, dass es um echte Tiere geht. Mir geht es aber vor allem ihnen ein Stück natürlichen und gelassenen Umgang mit Leben/Tod und den daraus resultieren Kreisläufen zu vermitteln. So, nun ruft die Arbeit im Stall! Vielen Dank für Ihre Zeit!

Mit freundlichen Grüßen

Heike K.

2) Leserbrief

“Mündige Schüler sollen in die Lage versetzt werden Sachverhalte zu erschließen und ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Dazu ist der Fleischatlas leider nicht geeignet! Ganz einfach weil er weder objektiv erstellt, noch auf fachlichen bzw. wissenschaftlichen Fakten beruht. Um es mit den Worten von Frau … auszudrücken, das war bei Herausgebern, wie dem BUND und der Heinrich-Böll-Stiftung auch nicht zu erwarten. Er besteht aus einzelnen Beiträgen verschiedener Autoren, mal mehr, mal weniger gut recherchiert und mit einem grünen Hauch verschleiert.

Dazu als Beispiel auf Seite 28 eine Grafik zum Wasserverbrauch in der Landwirtschaft. Ein Kind lernt also bei Gebrauch des Fleischatlasses, dass für ein Kilogramm Rindfleisch 15.455 Liter Wasser verbraucht werden. Ich habe mal in der Schule gelernt, dass Wasser nicht verschwindet, sondern sich in einem Kreislauf befindet. Zurück zum Atlas. Nach der gleichen Rechnung werden also 14.414 Liter „grünes Wasser“ (Regenwasser) verbraucht, 550 Liter „blaues Wasser“ (das ist Oberflächen- bzw. Grundwasser) und 451 Liter „graues Wasser“ (Abwasser). 94 % des angeblich verbrauchten Wassers ist also einfach nur Regenwasser, das auf Wiesen, Weiden und Äcker fällt.

Was hat mein Schnitzel mit der Zerstörung des Regenwaldes zu tun? Nichts! Ca. 88 % der in Deutschland eingesetzten Futtermittel wurden inländisch erzeugt. Welcher Verbraucher kann das von dem Inhalt seines Kühlschranks sagen? Man kann ja mal Spaßes halber mit den Zahlen des Fleischatlasses rechnen: demnach muss pro Einwohner etwa alle 25 Jahre ein Rind geschlachtet werden. Ein Schwein essen wir in ca. 1, 4 Jahren und ein Hähnchen essen wir pro Monat. Nun ist der Eine lieber Rind und der Andere nur Huhn. Bei 67 kg Fleischverbrauch pro Person kann man beim herunterbrechen der Zahlen allerdings nicht mehr von zu viel Fleisch reden.

Wer behauptet der Regenwald würde für unseren Fleischkonsum abgeholzt, blendet alle weiteren Zusammenhänge der Einfachheit halber aus. Für Biosprit und Ölpalmen wurden traditionelle Ackerbauregionen umgestellt und zusätzlich Regenwald gerodet. In welchem Atlas steht das? Ob es dem Regenwald wohl besser erginge, wenn wir kein Fleisch mehr äßen aber alle mit Biosprit führen?

Nicht auf jedem Acker gedeiht Getreide, das zur direkten menschlichen Ernährung taugt. Letzten Endes entscheidet das Wetter jedes Jahr aufs Neue, für welche Verwendung die Ernte zulässig ist. Daher ist es doch nur vernünftig schlechteres Getreide, das wir nicht direkt selbst nutzen können über das Nutztier zu veredeln. Gleiches geschieht mit den Abfallprodukten der Lebensmittelindustrie, wie Sojaextraktionsschrot, Treber, Pülpe und Trester. Über den Tiermagen wird aus einem Abfallprodukt ein Nebenprodukt. Ebenso ist es vernünftig das Brasilien Weizen importiert und Soja exportiert, weil Soja in Brasilien einfach besser wächst (2 Ernten) als Weizen. Bei uns wächst Weizen besser als Soja. Soja wird immer noch nicht zur Viehernährung angebaut, sondern um das Öl zu gewinnen. In der Landwirtschaft geht man vermehrt dazu über Sojaschrot durch Rapsschrot zu ersetzen. Soja wird trotzdem angebaut werden, weil wir das Öl benutzen und Sojaprodukte essen wollen.

Ebenfalls falsch ist das nicht tot zu kriegende Märchen von den 10 – 16 kg Getreide oder Soja, welches pro 1 kg Rindfleisch verfüttert werden müsste. Die Angabe schwankt je nachdem welche Organisation uns an ihrem Fachwissen teilhaben lässt. 10 – 16 kg Kraftfutter bringen Mastrinder in kurzer Zeit um aber nicht an den Schlachthaken. Das hängt mit dem Verdauungssystem zusammen. Tatsächlich werden ca. 3,5 kg Kraftfutter pro kg Rindfleisch benötigt. Über den Viehmagen wird minderwertiges pflanzliches Eiweiß zu hochwertigem tierischen Eiweiß veredelt. Gleichzeitig erhalten wir den notwendigen tierischen Dünger, ohne den eine nachhaltige Landwirtschaft gar nicht möglich ist. Im Moment reicht dieser Nährstoffanfall gerade mal für die Hälfte unserer landwirtschaftlichen Flächen. Der Rest muss über fossile endliche Dünger zugeführt werden. Was würde also passieren, wenn die Tierhaltung reduziert werden würde? In welchen Abschnitt des Fleischatlasses werden Schüler über diese komplexen Zusammenhänge aufgeklärt? Nirgendwo! Deswegen setzen wir Landwirte uns dafür ein, dass Lehrer mit ihren Klassen auf unsere Höfe kommen. Anstatt den Unterricht auf echten Bauernhöfen zu fördern drückt man den Schülern eine NGO-Werbebroschüre in die Hand und lässt sie im Klassenraum hocken.”

Anmerkung der Redaktion: schönen Aschermittwoch noch 😉

[zum Anfang]