20 Nov 2014

Offener Brief an Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT

Sehr geehrter Herr di Lorenzo,

als Ankündigung eines Artikels mit dem Titel „Die Rache aus dem Stall“ war am 19. 11. 2014 auf der Facebook-Seite Ihres Blattes zu lesen:

„Es herrscht eine paradoxe Gleichzeitigkeit: Deutschland fürchtet sich vor Ebola-Viren aus Afrika – dabei gibt es nicht einmal eine Handvoll Patienten. Andererseits nimmt dieselbe Gesellschaft das Risiko zigtausender Todes- und Krankheitsfälle hin, die von Bakterien verursacht werden, welche wir in unseren eigenen Masttierställen und Krankenhäusern heranzüchten.“

Dazu habe ich am gleichen Tag folgenden Kommentar gepostet:

„Der Vergleich mit Ebola ist zutiefst geschmacklos, weil in Afrika Tausende Menschen an dieser Seuche gestorben sind und Hunderte noch daran sterben werden, hier aber offensichtlich nur deutsche Patienten eine Rolle spielen.

Tatsächlich sterben jährlich weltweit Zigtausende Patienten, weil sie sich in Krankenhäusern mit resistenten Keimen angesteckt haben. Die Zahl der nachgewiesenen Todesfälle, die auf LA-MRSA zurückzuführen sind, ist dabei gering. Für Dänemark (einem Land mit sehr hoher Schweinedichte und starker MRSA-Verbreitung) sind zwischen 2007 und 2013 vier Fälle dokumentiert. In Deutschland dürfte die Zahl in einem ähnlichen Bereich liegen.

In der neuesten Veröffentlichung des Forschungsverbundes MedVetStaph, dessen Koordinator in der Uniklinik Münster sitzt, heißt es: „MRSA CC398 verursacht derzeit etwa 2 % aller humanen MRSA- Infektionen (Wundinfektion, Pneumonie, Sepsis) in Deutschland, jedoch bis zu 10 % in Regionen mit hoher Tierhaltungsdichte.“ Zu Todesfällen äußert sich der Autor nicht.

Weil multiresistente Keime aber tatsächlich gefährlich sind, muss der Antibiotikaverbrauch auch in der Nutztierhaltung deutlich gesenkt werden. Entsprechende Programme und Initiativen wurden (teilweise bereits vor Jahren) gestartet. Die Landwirtschaft zum Hauptverursacher der Resistenzbildung zu machen, ist allerdings eine Unverschämtheit, die auch durch ständige Wiederholung nichts an Glaubwürdigkeit gewinnt.

Wenn der angekündigte Bericht Ihres Blattes die gleiche Qualität wie Ihre Facebook-Posts hat, sei Ihnen „Das Kleine ABC des Journalismus“ empfohlen. Unter dem Buchstaben R steht dort etwas zur Recherche. Sollten Sie eben diese nachholen wollen, können Sie z. B. hier beginnen: http://www.stallbesuch.de/antibiotika“

Dieser Text war aber nicht lange für jedermann sichtbar. Innerhalb kürzester Zeit erhielt ich zahlreiche Nachrichten von Facebook-Freunden, dass sie selbst den Kommentar zwar noch lesen könnten, andere Personen, die nicht zu meinem Freundeskreis gehören, dagegen nicht. Insbesondere PC-Nutzern konnte dies nicht ohne weiteres auffallen, wer jedoch die entsprechende Seite über ein Smartphone aufrief, sah den Text meines Kommentars in zartem Hellgrau schimmern.

Gefiel der „Facebook-AdministratorIn“ Ihres Hauses mein Kommentar nicht? Hat er/sie vor lauter Schreck darüber, dass hier auf wissenschaftliche Fakten verwiesen wurde, versehentlich die falsche Taste gedrückt? Sollte letzteres der Fall gewesen sein, so ist ihr/ihm dasselbe Missgeschick gleich mehrfach passiert. Denn der Text wurde an verschiedenen Stellen, auch von anderen Personen, gepostet und doch jedes Mal und ganz geschwind vor dem Großteil der Facebook-Nutzer verborgen.

Fällt Ihnen, werter Herr Kollege, eine andere Beschreibung als „Zensur“ für diese Vorgehensweise ein? Mit Spannung sehe ich Ihrem Kommentar entgegen. Er wird an dieser Stelle – natürlich für jedermann sichtbar – veröffentlicht. Versprochen!

Ihr Thomas Wengenroth

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