06 Okt 2017

Haltlose Vorwürfe gegen wissenschaftliche Bewertungsbehörden

Plagiatsvorwürfe zur Risikobewertung von Glyphosat zeugen von Unkenntnis der gesetzlichen und international üblichen Verfahren

Deutschland hat für das europäische Genehmigungsverfahren von Glyphosat als Berichterstatter in seinem Bericht sowohl die gesetzlich vorgeschriebenen Studien der Antragsteller als auch alle weiteren relevanten und verfügbaren Studien sorgfältig gemäß den gesetzlich etablierten Verfahren geprüft und bewertet. Es ist dabei üblich und anerkannt, dass die Bewertungsbehörden nach kritischer Prüfung der Originalstudien auch Passagen aus eingereichten Dokumenten in ihre Bewertungsberichte integrieren. Auch Teile des Bewertungsberichtes Deutschlands enthalten deshalb derartige Textteile aus Studienbeschreibungen und öffentlich zugänglicher Literatur, die von den Antragstellern als Teil der gesetzlich geforderten Dossiers eingereicht werden mussten. Diese allgemeine, national und international übliche und anerkannte Vorgehensweise, die nicht nur bei Pflanzenschutzmitteln sondern auch bei Arzneimitteln, Bioziden und Chemikalien etabliert ist, wurde aktuell im Falle von Glyphosat vereinzelt kritisiert.

„Wir respektieren und schätzen die Aufgabe von Vereinen, Organisationen und Medien, die Arbeit der wissenschaftlichen Behörden kritisch zu hinterfragen. Dies ist ein wichtiges Element eines demokratischen Systems“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. „Man tut aber dem öffentlichen Diskurs keinen Gefallen, wenn Wissenschaft diskreditiert wird und dies auf Unkenntnis der gesetzlichen nationalen und internationalen Verfahren beruht. In einigen Kreisen wird eine wissenschaftliche Bewertung nur noch akzeptiert, wenn die Erkenntnisse die eigene Agenda stützen. Genau deshalb hat man das BfR als unabhängige und unparteiische Institution für die wissenschaftliche Politikberatung gegründet.“ Auch die wiederholt vorgebrachte Forderung, dass Bewertungsbehörden eigene Experimente durchführen sollten, ist in den gesetzlich vorgeschriebenen Abläufen nicht vorgesehen.

Das BfR hat seine Bewertung von Glyphosat entsprechend der gesetzlichen Vorgaben durchgeführt. Ebenso haben die anderen deutschen Behörden Julius-Kühn-Institut (JKI), Umweltbundesamt (UBA) sowie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ihre Zuarbeit für den Renewal Assessment Report (RAR) auf Basis des Dossiers der Antragsteller erstellt. Dieser RAR wurde der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) als koordinierender Behörde für die nachfolgenden Verfahrensschritte zur Verfügung gestellt. Das Verfahren der EU-Wirkstoffprüfung sieht vor, dass der RAR nach einer öffentlichen Konsultation und fachlichen Prüfung von jedem einzelnen EU-Mitgliedsstaat geprüft, überarbeitet, gemeinsam diskutiert und von der EFSA verabschiedet und veröffentlicht wird. Dieses Verfahren wurde in der EU auch für alle anderen mehr als 450 bislang genehmigten Pflanzenschutzmittelwirkstoffe gleichartig praktiziert.

Alleiniges Kriterium für die Berücksichtigung von Studienergebnissen ist die wissenschaftliche Qualität und Evidenz der Studien. Mögliche Interessen der Auftraggeber, der Politik oder anderer Interessengruppen können und dürfen bei einer wissenschaftlichen Bewertung keine Rolle spielen. Die fachliche Auseinandersetzung mit Quellen, die von den Antragstellern der Industrie (Glyphosat Taskforce) vorgelegt wurden, gehört somit zum gesetzlich vorgeschriebenen Bewertungsprozess.

In den gesetzlichen Verfahren zur gesundheitlichen Bewertung von Pflanzenschutzmitteln, Biozidprodukten, Arzneimitteln und zahlreichen anderen Chemikalien ist es vorgeschrieben, dass ein Hersteller auf eigene Kosten ein definiertes Spektrum an experimentellen Prüfungen durchführen muss. Neben diesen Studien ist den Bewertungsbehörden auch ein zusammenfassendes Dossier vorzulegen. Dabei sind neben Prüfvorschriften (z.B. der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD) und Qualitätssicherungen (z.B. Gute Laborpraxis, GLP) auch etablierte, international anerkannte toxikologische Standardverfahren zu berücksichtigen. Darüber hinaus sind frei zugängliche wissenschaftliche Veröffentlichungen in die Bewertungsberichte der Behörden aufzunehmen und darzustellen. Die Bewertungsbehörden führen gemäß den gesetzlich vorgeschriebenen Abläufen keine eigenen Experimente durch.Das BfR hat keineswegs, wie im Falle von Glyphosat von vereinzelten Kreisen behauptet, die Sicht der Antragsteller und deren Interpretation entsprechender Studien unkritisch und ungeprüft übernommen.
Sämtliche Bewertungsbehörden europa- und weltweit, denen die Originaldaten vorlagen, kommen nach eigener Bewertung mittels etablierter international anerkannter toxikologischer Standardverfahren ebenfalls zu dem Schluss, dass Glyphosat nach derzeitigem Stand des Wissens nicht als krebserregend einzustufen ist.

Dazu gehören:
die Europäische Behörde für Lebensmittelsichert (EFSA) sowie die Expertinnen und Experten der Risikobewertungsbehörden der EU-Mitgliedstaaten
die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
die japanische Food Safety Commission
die neuseeländische Umweltbehörde EPA
das Joint FAO/WHO Meeting on Pesticide Residues (JMPR) und
die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)

Quelle: BfR

[zum Anfang]
  • Rolf-Jürgen Engert

    Die Darstellung des BfR erscheint mir als reine Schutzbehauptung.

    „In Berlin präsentierten die Organisationen PAN Germany und Global
    2000 gestern – 5.10.2017 – ein Gutachten, das wie bereits Medienberichte zuvor zu dem
    Schluss kommt: Der Bewertungsbericht des Bundesinstituts für
    Risikobewertung (BfR) zu Glyphosat erfüllt die Kriterien eines Textplagiats. Der österreichische Sachverständige Dr. Stefan Weber wirft dem BfR „erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten“ vor.
    In ihrem Bericht an die EU übernahm die Behörde Einschätzungen zur
    Unbedenklichkeit von Glyphosat wörtlich vom Hersteller – ohne das
    kenntlich zu machen. „Damit ist die Bewertung das Papier nicht wert, auf
    dem sie geschrieben steht“, sagt Christiane Huxdorff,
    Greenpeace-Expertin für Landwirtschaft.“

    Hier werden also einfachste wissenschaftliche Grundsätze missachtet. Das sagt doch alles über die Tendenz!

    • shoogagoogagunga

      Das ist richtig.
      Wir alle kennen diese Darstellungen, und es wäre sinnvoll, einfach abzuwarten, wie sich der Streit weiter entwickelt.
      ICH kenne nicht die Gepflogenheiten der Regulierungsbehörden.

      Der Plagiats-Experte sagt, das BfR hätte einen Namen eines (damaligen) Monsanto-Mitarbeiters unterschlagen.
      Das finde ich heftig.
      Gleichzeitig: Wie wäre die Reaktion der Umwelttypen gewesen? Durfte denn der Monsanto-Mensch keine Studie schreiben, wenn sie den GLP-Richtlinien entsprach ?

      Das „einfachste wissenschaftliche Grundsätze“ missachtet werden stimmt wohl, aber ist die schlichte Regulierungsbewertung und die Zusammenfassung der Antragsteller vorher denn noch „Wissenschaft“, in dem Sinne, dass sie in den wissenschaftlichen Diskurs eingeht?
      Keine Ahnung!

      Aber die Studien selber tun es doch. Welche das sind , wird doch deutlich.

      „Damit ist die Bewertung das Papier nicht wert, auf
      dem sie geschrieben steht“, sagt Christiane Huxdorff,
      Greenpeace-Expertin für Landwirtschaft.“ — das ist doch uninteressant, was die sagt. Sorry, das hätten Sie nicht „Copy+Paste“n müssen.

  • Susanne Günther

    In diesem Plagiatsgutachten steht nur drin, was wir vorher schon wussten: Dass Textpassagen aus dem Antragstellerdossier auch im Bewertungsbericht wieder auftauchen. Warum man dafür einen Gutachter braucht (Textpassagen vergleichen kann jeder, der des Lesens mächtig ist), ist mir ein Rätsel. Aber in Österreich ist Wahlkampf und da kommt man derzeit mit jedem Blödsinn in die Zeitung.

    Auffällig ist, dass Global 2000 nicht die Zusammenfassungen des Bewertungsberichtes angeschaut hat, also die Passagen, wo die eigentliche Bewertung der Behörde vorgenommen wird, sondern die eher technischen Kapitel, in denen die untersuchten Studien einzeln aufgeführt werden. So zeigt sich, dass die Plagiate aus seitenlangen Tabellen mit Studien bestehen – was hätte man denn hier umschreiben sollen? Auch die Abstracts der untersuchten Studien werden als Plagiat bewertet, dabei haben bereits die Antragsteller diese Abstracts abgeschrieben, nämlich aus der Veröffentlichung der jeweiligen Studie und das ist auch so vermerkt.

    Die Vorwürfe sind völlig albern, nur hat kein Journalist das Hintergrundwissen, um das auch so zu benennen. Und in Österreich ist Wahlkampf, ach, das sagte ich ja bereits …

    https://uploads.disquscdn.com/images/9d7cedcce71fcf83e6d8baf63d026a990c19a3209af92c01c4daf06cd1ffc2a8.png

    https://uploads.disquscdn.com/images/d61447d91766d99029529fcab93cf26996a9276ddacfcbf39ab4b6d8fcb0616d.png

    • Rolf-Jürgen Engert

      Wenn der Bock zum Gärtner gemacht wird, kommt eben so eine Gefälligkeitsstudie raus. Ist doch sonnenklar, dass ein ehemaliger Monsantomann nichts anderes herausbringt als völlige Ungefährlichkeit.
      Beim Leugnen der Ursachen der aktuellen Erderwärmung gibt es auch noch genügend „Wissenschaftler“, die sich dafür vom Öl-Kohlekomplex gut bezahlen lassen.

  • Rolf-Jürgen Engert

    Hallo Frau Günther,
    mittlerweile ist bekannt, dass 100 internationale, anerkannte, unabhängige Wissenschaftler
    das BfR des Betruges bezichtigen. Damit erübrigt sich jeder weitere Versuch der Verharmlosung des Umweltskandals. Monsanto hat auf unglaubliche Weise die Öffentlichkeit betrogen, Behörden unterwandert und offensichtlich Amtspersonen bestochen. Wenn Bayer diese Firma kaufen will, handeln sie sich eine tickende Atombombe ein.
    Schon die ersten Untersuchungen von Monsanto 1978 waren offenbar gefälscht.
    RJE